Lichtspektakel Dr. Travel

Tina reist via Batam südlich von Singapur nach Padang und von dort zur Insel Siberut zum Surfen. Der Mentawai-Archipel in Indonesien ist ein Surfparadies, Siberut ein Geheimtipp und noch nicht überlaufen, die Wellen sind beeindruckend. Auf dem Rückweg verbringt sie drei Tage in Singapur. Am zweitletzten Abend besucht sie die «Garden Rhapsody», ein Lichtspektakel unter den Supertrees im Gardens by the Bay. Sie ist früh dran und legt sich auf die Wiese, um die Musik- und Lichtshow aus nächster Nähe zu erleben. Gegen 19.30 Uhr füllt sich die Wiese stark. Auch eine einheimische Kindergartenklasse mit rund 25 Kindern setzt sich in ihre Nähe – es wird eng. Pünktlich um 19.45 Uhr beginnt die Vorstellung. Am nächsten Tag besucht Tina den Vogelpark Bird Paradise mit rund 3500 Vögeln aus etwa 400 Arten. Am Abend fliegt sie zurück nach Zürich. Vier Tage später leidet sie unter Müdigkeit, Fieber und Halsschmerzen. Hinzu kommen schmerzhafte Bläschen an den Wangen, im Mund und am Zahnfleisch. Als sich auch an den Handflächen und Füssen ein fleckiger Ausschlag mit Blasen zeigt, sucht sie die Praxis auf. Für mich ist es eine Blickdiagnose: Ich vermute eine Hand-Fuss-Mund-Krankheit mit klassischen Symptomen. Auch die Inkubationszeit von drei bis sieben Tagen passt. Zur Sicherheit schliesse ich mit einer Blutuntersuchung Dengue, Chikungunya, Malaria und Varizellen aus. Zusätzlich mache ich einen Rachenabstrich, um Coxsackieviren nachzuweisen. Antikörper gegen das Virus wären im Blut erst nach einigen Tagen nachweisbar. In Südostasien, China und Japan kommt es immer wieder zu Ausbrüchen der Hand-Fuss-Mund-Krankheit. Sie wird durch Enteroviren verursacht, am häufigsten durch Coxsackieviren. Die Ansteckung erfolgt meist über Übertragung über verunreinigte Oberflächen, etwa durch Speichel oder Stuhl. Auch feinste Flüssigkeitspartikel in der Luft beim Husten können zur Übertragung führen. Viele Infizierte zeigen jedoch keine Symptome, was die Verbreitung erleichtert. Eine Behandlung der Ursache gibt es nicht. Tina hat sich mit grosser Wahrscheinlichkeit bei einem hustenden Kind unter den Supertrees angesteckt – nicht bei den Vögeln im Park, denn die Krankheit wird nur von Mensch zu Mensch übertragen. Die Behandlung erfolgt symptomatisch: Paracetamol gegen Schmerzen und Fieber, ein schmerzlinderndes Mundgel sowie eine Hautcreme. Zwei Tage später bestätigt das Labor die Diagnose. Ich kann Tina beruhigen: Die Beschwerden klingen in der Regel innerhalb einer Woche ab. Die Erkrankung hinterlässt eine Immunität gegen das verursachende Virus, jedoch nicht gegen alle Varianten – eine erneute Infektion mit einem anderen Enterovirus ist möglich. Tina hat Glück: Zwei Wochen später ist sie wieder gesund und denkt an die beeindruckenden Wellen von Siberut zurück.